Chaos im Körper
Kryptopyrrolurie - Ursache für Hyperaktivität?
von Hanne Weizenegger
Schreibschwäche, Gewaltbereitschaft, soziale Schwierigkeiten – ein Kind mit diesen Symptomen bekommt leicht das Etikett ADHS aufgedrückt und durchläuft damit nicht selten Labyrinthe von Schulmedizin und alternativer Heilkunst. Was bisher weitgehend unbekannt ist: Bei vielen hyperaktiven Kindern liegt die Ursache in einem chronischen Mangel von Zink und Vitamin B6 in den Zellen.
Johannes war ein kluges Kind und sogar ein wenig altklug für seine gerade mal sechs Jahre. Während später in der Schule die anderen Kinder fleißig lernten, gab Johannes sich nicht die geringste Mühe. Alles, was logisch war, flog ihm zu – wie das Rechnen zum Beispiel. Folglich spielte er lieber Fußball als seine Hausaufgaben zu erledigen. Mit anderen Worten, er war intelligent, aber stinkfaul. Dennoch stimmte irgend etwas nicht mit ihm. Seiner Mutter, die die Hausaufgaben überwachte, fiel auf, dass er nicht in der Lage war, auch nur einen Satz fehlerfrei nachzuschreiben. Wenn sie zum Beispiel unter ein von Johannes gemaltes Pferd schrieb „Das Pferd hat vier Beine“, schrieb ihr Sohn ab: „Das Ferd hat fier beiner“. Der Kleine war erfinderisch. Er schrieb alles immer wieder anders, nur nicht so, wie es auf dem Blatt Papier gut sichtbar vorgeschrieben war. Der Vater von Johannes war Arzt und damit beschäftigt, seine Karriere zu festigen. Für die Erziehung der Kinder war die Mutter zuständig. Endlich teilte sie dem Vater ihre Beobachtungen mit. Von nun an überwachte der Vater das Lesen und Schreiben und begann, an der Intelligenz seines Jungen zu zweifeln. Der IQ wurde gemessen: Er lag bei 130 – also weit über der Norm von 100. (Nur etwa 10 % der Bevölkerung erreichen einen IQ Wert von 130). Der Vater hatte es jetzt schwarz auf weiß. Gemessene Intelligenz auf dem Papier. Aber die Lokomotive blieb: Lokomotife, lockomotive, Lokomotieve…
Unterversorgte Zellen
Die Suche nach einer Erklärung für diese Diskrepanz führte Johannes’ Vater zu einem Phänomen, das in den USA von dem Amerikaner D. G. Irvine bereits 1959 bei psychiatrischen Patienten entdeckt wurde. Seit 1960 veröffentlichte er in vielen englischsprachigen Publikationen über chronischen Mangel an Vitamin B6 und Zink in den Zellen. Ihm kam zugute, dass er sich seit 1980 in Ostdeutschland in einem Forschungsverbund verschiedener Universitäten mit dem biochemischen Grundlagenwissen der damaligen Zeit beschäftigte, das heißt, mit der therapeutischen Versorgung des Körpers mit Spurenelementen, Vitaminen, Aminosäuren und dem Fettsäurenstatus als Prävention von Krankheiten.
Spurensuche im Westen
Etwa zur gleichen Zeit setzte sich ein anderer Arzt im Westen mit seinem eigenen Gesundheitszustand auseinander. Er begann, vornehmlich in der zweiten Lebenshälfte, an verschiedenen unerklärlichen Erkrankungen zu leiden. Intuitiv spürte er, hier kann es sich nur um Symptome handeln. Hier muß ein Zusammenhang bestehen. „Ich muß die Ursache finden“, sagte er sich. Sowohl der kleine Johannes im Osten als auch der Arzt im Westen litten an der Kryptopyrrolurie (KPU). Beide Ärzte stießen auf die Erkenntnisse von Irvine und auch auf das im British Journal of Psychiatry 1965 veröffentliche Papier von O’Railly1. Irvine fand nicht nur heraus, dass seine Patienten in der Psychiatrie Vitamin B6 und Zink im Urin verloren, sondern auch, dass es sich bei der Pyrrolurie um zwei verschiedene Formen handelt. Bei seiner Publikation Ende der sechziger Jahre in der renommierten Wissenschaftszeitschrift „Nature“2 hat er bereits darauf hingewiesen, dass sich die Pyrrolurie mit normalem Histaminspiegel gut behandeln läßt. Die Pyrrolurie mit hohem Histaminspiegel hingegen ist wesentlich schwieriger in den Griff zu bekommen. Dies bestätigte auch später Carl C. Pfeiffer in seinem „Golden Pamphlet“3. Vor gut drei Jahren habe ich anläßlich eines Interviews über Antioxidantien den Facharzt für Innere Medizin / Umweltmedizin, Doz. Dr. sc. med. Bodo Kuklinski, Diagnostik und Therapiezentrum für Umweltmedizinische Erkrankungen in Rostock kennengelernt. Bei dieser Gelegenheit hörte ich das erste Mal von dem Phänomen der Pyrrolurie. Seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.
Malvenfarbiger Urin und weißgefleckte Fingernägel
Die Pyrrolurie ist ein sehr komplexes Gebiet: Genau handelt es sich um Kryptopyrrolurie. Krypto kommt von dem griechischen Krypta und bedeutet „versteckt“. Das Pyrrol ist ein Baustein von rotem Blutfarbstoff und gewisser Bluteiweiße. „Urie“ bedeutet, dass dieser Farbstoff im Urin erscheint. Pyrrol im Urin hat eine malvenartige Farbe und wird deshalb im angloamerikanischen Sprachraum auch Malvurie genannt. Der Pyrroliker verliert das Vitamin B6 durch den Urin und hat deshalb keine Vitamin B6 Reserven, was wiederum dazu führt, dass Pyrroliker an einem starken Zinkmangel leiden – gut sichtbar an den weißen Flecken in den Fingernägeln.
Normalerweise ist unser Körper in der Lage, alle Reparaturvorgänge beim Eindringen von Schadstoffen, Viren oder Bakterien selbst zu leisten. Nicht so beim Pyrroliker. Er leidet von Geburt an und lebenslang an einem chronischen Vitamin B6- und Zinkdefizit, das er nicht durch eine normale, gesunde Mischernährung decken kann. Die Folgen können unbemerkt bleiben, so lange diese Personen schadstoffarm leben, arbeiten und sich einigermaßen naturbelassen ernähren können und unter keiner starken psychischen Belastung stehen.
Nie richtig gesund
Der Pyrroliker aber, der Umweltgiften ausgesetzt ist, sei es in der Stadt, in den eigenen vier Wänden oder am Arbeitsplatz, und der sich von nitrat- und phosphatreicher Fast Food Kost ernährt, fühlt sich abgeschlagen und müde. Er wird krank und die Unverträglichkeitsliste wird lang. Bei Vitamin B6-Mangel können zum Beispiel keine Aldehyde abgebaut werden. Folglich vertragen die Betroffenen keinen Zigarettenrauch und keinen Alkohol. Sie leiden unter Autoabgasen und hohen Ozonwerten, vertragen keine normalen Putz- und Waschmittel und keine Chemikalien in frisch renovierten Wohnungen. Meist ernährt sich der Pyrroliker vorwiegend aus dem Naturkostladen. Er tut alles seiner Gesundheit zu liebe – und ist doch nie richtig gesund.
Seelischer Dauerstress
Andere Pyrroliker haben im seelischen Bereich große Schwierigkeiten. Sie kommen nicht klar mit sich und erst recht nicht mit ihrer Umwelt. Sie reagieren äußerst sensibel auf Disharmonie. Zwischenmenschliche Beziehungen sind für sie sehr schwierig. Stress macht sie konfus. Sie fühlen sich nicht verstanden, fangen an zu rauchen und zu trinken, ernähren sich von Coca-Cola und Süßigkeiten, was sie nicht vertragen. Betroffene Kinder oder Jugendliche, die von Eltern oder Lehrern unter Druck gesetzt oder von anderen gehänselt werden, reagieren oft aggressiv. Mit der Zeit können sie zu einer Belastung für ihr Umfeld werden. Solchen Problemkindern wird dann meist ADS, ADH oder ADHS bescheinigt. Ritalin oder andere Psychopharmaka kommen zum Einsatz.
Körper, Geist und Seele geraten bei allen Pyrrolikern sehr schnell aus dem Gleichgewicht. Die Betroffenen fangen dann an, ein diffuses Krankheitsbild zu durchlaufen, dem sie selbst und auch die meisten Ärzte hilflos gegenüberstehen. Die kostspielige Odyssee von Arzt zu Arzt, zum Spezialisten, zum Heilpraktiker oder Homöopathen beginnt.
Warum kennt niemand die Pyrrolurie?
Auf meine Frage, warum die KPU bei den Ärzten nicht allgemein bekannt ist, antwortete mir Dr. Kuklinski: „Der Amerikaner Irvine hat vor vierzig Jahren bei Patienten in der Psychiatrie nach biochemischen Faktoren gesucht, die eine Erklärung für psychiatrische Krankheitsbilder liefern könnten, und fand heraus, dass es sich bei der KPU um keine Krankheit, sondern um einen an und für sich harmlosen Stoffwechselnebenweg handelt, der sich heute bei etwa 12 Prozent unserer Bevölkerung findet. Die Pyrrolurie selbst ist keine Krankheit, deshalb ist sie nicht bekannt und wird in der ärztlichen Ausbildung auch nicht gelehrt. Sie führt zwar zu tausend Krankheiten, aber unser Gesundheitswesen ist so angelegt, dass die Krankenkassen für Kranke zuständig sind und die Ärzte auf die manifeste Krankheit warten. Die auslösenden Ursachen sind weniger interessant, sie gehören in das Gebiet der Prophylaxe, der Vorbeugung von Krankheiten. Hierfür ist der Einzelne selbst verantwortlich.“
Der biochemische Hintergrund
Hier möchte ich die Zusammenhänge, so wie sie mir von Dr. Kuklinski erklärt wurden, wiedergeben: Betrachtet man die Bedeutung des Vitamins B6 für den Nervenboten-Stoffwechsel, fällt auf, dass die Bildung des Nervenbotenstoffes Serotonin von diesem Vitamin abhängt. Serotonin spielt vor allem im Limbischen System eine Rolle. Es reguliert psychische Stabilität und setzt somit die Streßempfindlichkeit herab. Außerdem ist das Serotonin verantwortlich für Konzentration, Merkfähigkeit und ruhiges, ausgeglichenes Verhalten. Weiter bildet Serotonin nachts das Schlafhormon und ist auch verantwortlich für einen gesunden Blutdruck. Für die Peristaltik, die Darmbeweglichkeit, ist es unabkömmlich. Pyrroliker leiden eher an Verstopfungen und haben niedrige Blutdruckwerte. Bei Serotoninmangel sind die Kinder ängstlicher, streßempfindlicher und folglich die typischen Prüfungsversager.
Auch andere wichtige Nervenbotenstoffe wie Gamma-Amino-Buttersäure (GABA), Dopamin, Noradrenalin, Adrenalin und Melatonin werden Vitamin-B6-abhängig gebildet. Ebenso ist das Vitamin beim Abbau dieser Nervenbotenstoffe beteiligt. Das GABA ist der stärkste ruhigstellende Nervenbotenstoff im Gehirn. Fehlt er, sind die Betroffenen, Kinder oder auch Erwachsene, überaktiv. Bei Pyrrolikern herrscht also bereits im Nervenbotenstoff-Haushalt eine ausgeprägte Disbalance. Es werden zu wenig gedächtnisfördernde und aktivitätsdämpfende Nervenbotenstoffe gebildet.
Ernährung spielt eine wichtige Rolle
Bei Vitamin B6-Mangel können Fremdeiweiße nicht in körpereigene Eiweiße umgewandelt werden. Proteinhaltige Kost wie Fisch, Fleisch und Milchprodukte werden also schlecht vertragen. Damit fällt aber ausgerechnet eine Hauptquelle der Lieferanten von Zink, Magnesium und Vitamin B6 weg, denn instinktiv essen Pyrroliker wenig Proteinhaltiges und so verstärkt sich ihr Defizit an Mikronährstoffen. Außerdem enthalten die sehr lang gelagerten Nahrungsmittel unserer Zeit nicht mehr so viel Vitamin B6 wie früher, da dieses sehr luftanfällig ist. Kommen dann bei den Kindern noch andere Besonderheiten in der Ernährung hinzu, wie phosphathaltige Erfrischungs- oder Cola-Getränke, werden bestimmte Elemente an der Resorption im Darm gehindert. So verstärken sich die bereits vorhandenen Mangelsyndrome.
Der Serotoninmangel zeigt sich auch in gesteigertem Appetit, ja sogar in einer Gier auf Süßigkeiten. Denn durch zuckerreiche Nahrung erhöht sich der Insulinspiegel, und dadurch kann das Gehirn selektiv verstärkt aus eigener Aminosäure, dem Triptophan, Serotonin bilden. Dadurch verstärkt sich aber fatalerweise der Vitamin B6-Mangel in der Zelle. Da Vitamin B6 aber wiederum außerordentlich wichtig ist für den Histaminabbau, neigen Pyrroliker verstärkt zur Ausbildung von Allergien. Die meisten Ärzte kennen diese Zusammenhänge nicht und verordnen in solchen Fällen Kortison und Antihistaminika. Die Kortisonbehandlung verstärkt jedoch noch zusätzlich den Vitamin B6-Mangel, was das Drama verschlimmert und die Patienten in immer tiefere Abhängigkeit von Medikamenten bringt.
Die Pyrrolanalyse
Vor jeder Therapie – bei ADH-, ADS-, ADHS-Kindern, bei chronischen und psychischen Krankheiten, bei Mischformen oder auch bei Krebs – sollte immer der Urintest auf KPU und der Blick in die Zelle an erster Stelle stehen. Achtung: Blutanalysen aus dem Serum sagen nicht die volle Wahrheit. Es kann sein, dass zum Beispiel Vitamin B6 oder Zink im Serum zu hoch ist, jedoch intrazellulär nichts vorhanden ist. Nach meiner Erfahrung geht den Laboruntersuchungen eine gründliche Anamnese von mindestens 90 Minuten voraus. Der Arzt stellt nach einem bestimmten Frageschema genaue Nachforschungen an. Auf diese Weise werden alle Organe und die hierzu entsprechenden Zeitabläufe „abgeklopft“, um die erste Ursache einer unerklärlichen Krankheitskette zu erforschen. So viel Zeit hat indes kein Arzt bei dem von den Krankenkassen aufoktroyierten Zeitdruck von 15 Minuten pro Patient im Quartal. Das heißt, der Patient muß den Zeitaufwand aus eigener Tasche bezahlen. Außerdem fehlt es an erfahrenen Ärzten, die die Zusammensetzung der biochemischen Mikronährstoffe bei der Pyrrolurie kennen. Biochemie wird in der ärztlichen Ausbildung immer noch nicht gelehrt, aber biochemische Literatur ist ausreichend vorhanden. Allein der Naturwissenschaftler und Forscher Kuklinski hat zu Mikronährstoffen über 120 Publikationen veröffentlicht. Der einzige Ausweg erscheint hier das private Studium. Die Voraussetzungen hierfür sind Grundkenntnisse in der Biochemie und die Zeit. Diese Weiterbildung würde sich für viele Mediziner empfehlen, wie Dr. Kuklinski meint: „Jeder Arzt kann zusammen mit einem guten Labor Kryptopyrrolurie bei Patienten bestimmen, die an psychosomatischen Störungen oder an vegetativen Beschwerden leiden, die nicht erklärbar sind. Die Pyrrolurie kann also in den verschiedensten Fachgebieten eingesetzt werden.“
Es gibt bereits bei uns in Deutschland und Österreich einige Ärzte, die erfolgreich mit der Kryptopyrrolurie arbeiten. Ärzte, die Problemkinder oder chronisch Kranke in die Normalität zurückgeführt haben. Nach einer positiven Pyrrolanalyse müssen die biochemischen Defizite ausgeglichen werden, was die Mitarbeit des Patienten erfordert. Er muss regelmäßig Mineralstoffe einnehmen und sich in gewissen Abständen einer Laborkontrolle unterziehen. Außerdem schaffen Entspannungsmaßnahmen wie craniosacrale Therapie Erleichterung und Besserung. Kaum ein Arzt publiziert jedoch etwas darüber. Wie ist das möglich? Vielleicht haben einige Mediziner Bedenken, weil diese biochemischen Zusammenhänge bis jetzt weder in der Öffentlichkeit noch bei Wissenschaftlern oder Gutachtern der Krankenkassen bekannt sind. Andere wollen eventuell zuerst noch mehr Erfahrung auf diesem Gebiet sammeln.
Es wäre jedenfalls gut, wenn sich noch weitere Mediziner, Kinderärzte, Wissenschaftler und Labors der Kryptopyrrolurie annehmen würden. So könnte ein flächendeckendes Netzwerk zustande kommen, und die ohnehin geplagten Pyrroliker müßten nicht mehr allzu weit reisen, um endlich richtig therapiert zu werden. Wichtig erscheint mir auch, dass die Betroffenen selbst erreicht werden. Die heutige Medizin erfordert es leider immer mehr, dass sich die Patienten selbst um die Lösung ihrer Probleme kümmern und dafür kämpfen, wie es ja oft schon in Selbsthilfegruppen geschieht.
Johannes ist mittlerweile 20 Jahre älter und weiß mit seinem Mangel umzugehen. Vitamin B6 und Zink muss er ein Leben lang substitutieren. Hätte er die Lebensumstände vieler heutiger Kinder gehabt, wäre er vielleicht nicht nur ein Legastheniker gewesen, sondern eines der gegenwärtig so zahlreichen Problemkinder. Er hatte noch das Glück, mit der Hausmannskost seiner Mutter aufzuwachsen anstatt mit Fertigpizza und Pommes Frites. Er hatte noch kein Handy in der Tasche und keine Stöpsel mit lauter Technomusik im Ohr. Kinder mit Vitamin B6- und Zinkmangel in den Zellen „outen“ sich heute immer schneller und heftiger als ADHS-Fälle. – Und alle schauen zu.
1 P.O.O’Reilly, M.Ernest, G.Hughes: „The Incidence of Malvaria“, British Journal of Psychiatry 111, 1965.
2 D.G.Irvine: “Identification of kryptopyrrole in human urine and its relation to psychosis.” Nature 224, 1996.
3 Carl C. Pfeiffer: “Nährstoff-Therapie bei psychischen Störungen”, Haug Verlag 1993.
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